Widerstand in Mecklenburg-Vorpommern

Penzlin: Irena Szydlowska und andere Gefangene des Frauenkonzentrationslagers Neubrandenburg befreien sich bei Penzlin

27. April 1945

Widerstand am Kriegsende Widerstand durch Ausländer

Irena Szydlowska beschreibt die Evakuierung des Frauenkonzentrationslagers Neubrandenburg:

„27. April 1945: Wir saßen in der Aprilsonne. Einige Kolonnen arbeiteten. Plötzlich wurde zum Appell gerufen, die Kolonnen kamen ins Lager, die Blockältesten riefen uns zu, die Sachen zu packen und Proviant empfangen; fertig machen zur Evakuierung! Also, es war soweit. Welch eine Unruhe, was für ein Durcheinander! Wir besprachen uns, wer mit wem geht. Die Jugoslawinnen wollen nicht mit, wollen auf die Rote Armee warten. Wir bemühten uns auch, solange es geht, passiven Widerstand zu leisten. Aber die anderen waren dazu nicht bereit. Einige stürmten das Verpflegungslager. …. Die Aufseherinnen und die Wachmannschaften trieben uns mit Gewalt zum Tor, es gibt Schläge und Fußtritte. So wurde unser Widerstand gebrochen. Nur die Kranken blieben im Revier, und jene, die sich verstecken konnten ... Das letzte Mal laufen wir den Weg zur Fabrik, aber es ging weiter durch unbekannte Straßen Neubrandenburgs, einige Fenster öffnen sich. Dann marschieren wir auf eine Landstraße in Richtung Westen. Dunkelheit bricht herein, weiter geht es im Schneckentempo und im Regen ... Wir wollen gar nicht so weit weg von der Front, viele Frauen sind aufgeregt, manche beklagen den geringen Widerstand. Dann treffen wir auf Kolonnen sowjetischer Kriegsgefangener. Sie werfen uns Nahrung und Brot zu. Die Füße tun uns weh, wir halten uns an den Händen. Nachts ruhen wir im Ort Penzlin aus. Es ist kalt. Der Erdboden ist naß. — Von einigen deutschen Zivilisten erhalten wir verschüchtert Brot. Fluchend und verärgert schleppen wir uns weiter ... Es regnet nicht mehr. Die Kolonnen lösen sich auf. Im Osten sehen wir es aufblitzen, hören den Geschützdonner, manchmal sogar Maschinengewehre, Flugzeuge sind am Himmel ... Die SS-Leute schreien, schlagen auf uns ein, aber vergeblich. Die Gruppenhaben sich schon aufgelöst ... Wir suchen Seitenwege. Wie lange sollen wir uns noch jagen lassen. Entschlossen biegen wir ab nach einem Hügel. Einige zögern noch, SS-Leute brüllen, aber wir gehen weiter dem freien Feld zu, nur nicht mehr zurück in die Kolonne. Wir sind verdreckt und völlig erschöpft. Am Horizont taucht ein Wald auf. Die Artillerie wird ruhiger, neues Fahrzeuggeräusch. Wir säubern uns notdürftig, wickeln uns in Decken ein, legen uns hin, wir sind frei und erwarten die Rote Armee.“[1]

[1] Schultz-Naumann, Joachim: Mecklenburg 1945, München 1990, S. 290f.