Widerstand in Mecklenburg-Vorpommern

Neubrandenburg: Erstes Neubrandenburger Friedensgebet

11. Oktober 1989

Evangelische Offene Jugendarbeit Geldsammlungen Musiker Friedensgebete

Zum ersten Neubrandenburger Friedensgebet am 11. Oktober kommen 250 Menschen. „Den Informationsteil gestaltet Martin Fritz, der neue Diakon für sozialdiakonische Jugendarbeit, der erst im September aus Berlin kam und dadurch noch gute Verbindungen dorthin hat. Er berichtet von Demonstrationen in anderen Städten und von Übergriffen der staatlichen Organe sowie von Verhaftungen und Schnellverfahren. Für alle Aktionen hier vor Ort bittet er um Zusammenhalt und Solidarität. Die Gebete gestalten Mitglieder des Friedenskreises. Die Lieder, die der Friedenskreis ausgesucht hatte, begleitet Diakon Boek auf der Gitarre. Es sind:

1. Wenn einer zu reden beginnt

2. Verleih uns Frieden gnädiglich

3. Komm, Herr, segne uns

4. Kanon: Herr, gib uns deinen Frieden

5. Ich denk mir ein Haus (von Ingo Barz)

Die beiden ersten Lieder werden nur bei den ersten Friedensgebeten gesungen. Später singt man nur noch die Lieder 3. -5. und häufig mit der katholischen Band ‚Von guten Mächten wunderbar geborgen‘. Eine Kollekte wird an diesem Tag für den Neubrandenburger Diakonenschüler Torsten Teichert in Berlin gesammelt. Bei den Demonstrationen um den 7.10. in Berlin wurde auch er festgenommen und in einem Schnellverfahren zu einer Geldstrafe von 1.000 Mark verurteilt. Das Ergebnis der Kollekte beträgt 1.000,35 Mark. Kurz nach Abschluß des Friedensgebetes gibt es in den Räumen der sozialdiakonischen Jugendarbeit in der Großen Wollweberstraße 13 eine Gesprächsrunde mit annähernd 20 Teilnehmern. Hier werden viele Anregungen zur weiteien Gestaltung der Friedensgebete gegeben und Bereitschaft zur Mitarbeit geäußert. Ein Mitglied des Friedenskreises verspricht, diese Ideen in die künftigen Aktivitäten aufzunehmen. Geplant werden u. a. schriftliche Informationen und Auszüge aus dem Beschluß der Eisenacher Bundessynode. Damit will man in die Arbeitskollektive gehen und Wandzeitungen in den Betrieben gestalten.“[1]

[1] Heydenreich, Fridolf: Die Geschichte unserer friedlichen Revolution. Eine Chronologie der Ereignisse in Neubrandenburg aus der Sicht von Fridolf Heydenreich, Regionalmuseum/Neubrandenburg 1993, S.8.