Widerstand in Mecklenburg-Vorpommern

Die Friedensdekade in MV

1. Januar 1980

Friedensdekade

Die Friedensdekade in MV

Der niederländische „Interkirchliche Friedensrat" schlug mit Beginn der Nachrüstungsdebatte im Jahr 1979 der Vollversammlung des Ökumenischen Jugendrates in Europa (EYCE) zur Mobilisierung der Christen in Friedensfragen die Durchführung einer jährlichen Friedenswoche[1] vor. Vom drittletzten Sonntag des Kirchenjahres bis zum Buß- und Bettag sollte europaweit an einem gemeinsamen biblischen Thema unter einem einheitlichen Symbol gearbeitet werden. Durch eine gemeinsame Initiative des Evangelischen Jungmännerwerks und seiner westdeutschen Partnerorganisation, dem Christlichen Verein Junger Menschen (CVJM), wurde daraufhin die Friedensdekade gesamtdeutsch veranstaltet, in der Bundesrepublik Deutschland jedoch nicht im selben Maße wie in den DDR-Kirchen. Der pommersche Bischof Horst Gienke[2] hielt später fest: „Schnell bahnte sich bis zu den Gemeinden eine Initiative junger Christen ihren Weg: die Friedensdekade. Ziemlich improvisiert begann es damit, daß die Gemeinden aller Kirchen eingeladen wurden, an den zehn Tagen vor dem Buß- und Bettag zu einer Gebetsandacht zusammenzukommen. Von Anfang an gelang es, diese Friedensdekaden mit ihren Gebetsandachten in allen deutschen Kirchen Wurzeln schlagen zu lassen. Was in den Jungen Gemeinden begann, wurde zum Gemeingut der Kirchen. Ein erstaunlicher Prozeß für jeden, der weiß, wie schwierig es ist, neue Initiativen in die Kirchgemeinden zu tragen. War Gottes eigener Geist hier am Werk?“[3]

Im Jahr 1980 schlug die Landesjugendpfarrerkonferenz den Kirchengemeinden in der DDR vor, den Buß- und Bettag als Abrüstungstag innerhalb der Kirchengemeinden in Ost und West durchzuführen. Zeitgleich mit dem Beginn der KSZE-Folgekonferenz in Madrid  sollte ein „Bittgottesdienst für den gefährdeten Weltfrieden“ abgehalten werden, dem die zehntägige Friedensdekade folgen sollte.

Der Staat reagierte. Das Erscheinen der Mecklenburgischen Kirchenzeitung wurde staatlicherseits wegen des geplanten Abdrucks des Programms der Friedensdekade Jahr untersagt.[4] Äußerst problematisch wirkte auch der Vorschlag, um 13 Uhr parallel zum offiziellen DDR-weiten Sirenen-Probealarm, in den Kirchengemeinden die Glocken zu läuten. Besonders dieses Glockenläuten stieß auf heftigen Widerstand der Staatsführung und wurde nur partiell gegen alle Verbote durchgeführt. Die Pfarrer der ELLKM wurden von OKR Schulze mit einem Rundscheiben angehalten, um 13.15 Uhr die Glocken zu läuten. In Grevesmühlen, Klütz und Wismar fand das Läuten hingegen sogar während des Probealarms statt.[5]

Die erste Friedensdekade begann am Sonntag, den 9. November 1980 an verschiedenen Orten mit einem Bittgottesdienst „für den gefährdeten Frieden“. Carolin Fricke schreibt: „An jedem der folgenden Tage gab es zumeist kleinere Veranstaltungen und am Buß- und Bettag, dem 19. November 1980, wurde die Dekade wiederum mit einem Gottesdienst abgeschlossen. In kleineren Städten und auf den Dörfern des Bezirks nahmen vor allem einige ältere Gemeindemitglieder und Mitarbeiter der Kirche an den Veranstaltungen teil. In der Bezirksstadt Schwerin waren es immerhin sechzig Teilnehmer.“[6] Der Staat bilanzierte: „Eine Wiederholung von kirchlichen Aktivitäten, die sich gegen stattliche Maßnahmen richten, müssen als politische Konfrontation gewertet werden (sogenannte Friedensdekade der Ev. Kirchen vom 9.-19.11.1980 und Aktivitäten der Kirche zur Erhöhung des Mindestumtauschsatzes).[7]

Im Jahr 1981 fand die Friedensdekade unter dem Titel "Gerechtigkeit - Abrüstung - Frieden" vom 8. bis 18. November statt. In der Rostocker Johanniskirche wurde die Eröffnungsveranstaltung der ELLKM am 8. November 1981 unter Leitung des Stadtjugendwartes Reifenstein durchgeführt. "Vor ca. 200 Personen wurde die Friedens- und Verteidigungspolitik der sozialistischen Länder religiös verbrämt in Frage gestellt."[8]  In den Gottesdiensten der kommenden Tage wurden vor allem Zivilverteidigungsübungen abgelehnt, (Kleemann: ESG Rostock, Pfarrer Sundhausen: Greifswald Schönwalde) oder anhand der vom BEK herausgegebenen Arbeitsmaterialien gearbeitet (Pfarrer Seibt: Stralsund, Pfarrer Beyer: Satow, Pfarrerin Muche: Wismar).[9] Der Greifswalder OKR Hans-Martin Harder beschrieb das eigentliche Problem dieser Friedensdekade mit folgenden Worten: „1981 hatte man für die Friedensdekade dieses Symbol ausgewählt. Das war an sich sehr gut ausgedacht, denn es handelte sich um die Plastik eines sowjetischen Bildhauers, die in der Tretjakow-Galerie, also in der Sowjetunion, und vor dem UNO-Hauptgebäude in den USA steht. Sie stellt einen Bauern dar, der ein Schwert zu einer Pflugschar umschmiedet. Also ein Symbol, von dem man eigentlich denken sollte, West und Ost seien damit vereinigt. Das Anliegen, vom Krieg zum Frieden zu kommen, kommt darin gut zum Ausdruck. Es ist der christliche Bezug eindeutig, aber er ist nicht zu plakativ, es kann jeder mitgehen, also eigentlich ein ganz ausgezeichnetes Symbol. Kompliziert wurde es dann aber aus zwei Gründen: Einmal, weil das Lesezeichen, das zu dieser Friedensdekade auf Stoff gedruckt worden war, plötzlich von jungen Leuten, weil es bei uns sonst keine Sticker, Aufnäher oder so etwas gab, benutzt wurde, es sich auf die Anoraks zu nähen. Ein findiger Unternehmer in West-Berlin schaffte es dann, diese wenigen Aufnäher, die da vorhanden waren, zu vervielfachen. Und plötzlich tauchten diese Aufnäher bei Christen und viel mehr noch bei Nichtchristen in größeren Mengen auf und wurden zum Symbol eines Widerstandes, der an sich vom Symbol her überhaupt nicht angelegt war. Und dieses Symbol hatte einen weiteren Schönheitsfehler, nämlich daß die Kommunisten es nicht erfunden hatten, sondern daß die Kirche als erstes auf diese Idee gekommen war. Wir sagten damals zum Staatssekretär für Kirchenfragen, er solle doch das Heft in die Hand nehmen und selbst für die Verbreitung sorgen. So weit wollte er aber nicht gehen. Für den Staat war offensichtlich besonders unerträglich, daß eine massive Gruppe innerhalb der Gesellschaft ihn mit der Frage ansprach, ob er es mit der Friedensliebe wirklich so ernst meint, wie er tut, und vor allen Dingen, ob er, so wie er den Frieden nach außen vertritt, auch bereit ist, den Frieden im Inneren zu vertreten. Und das war der eigentliche Punkt dabei. Hier traf die Kirche oder trafen diejenigen von uns, die diese Friedensbewegung trugen, den Staat DDR an einer ganz besonders empfindlichen Stelle.“[10]

Die Friedensdekade 1983 wurde auf der AGF-Sitzung am 2. Dezember 1983 ausgewertet. Beklagt wurde allgemein die mangelnde Beteiligung jenseits der Städte wie Schwerin und Rostock. Während OKR Eckhard Schwerin für die Stadt Schwerin über eine durchschnittliche Teilnehmerzahl von 150 Personen berichtete, schränkte Günther Engel dies für Güstrow auf 30 bis 40 Personen ein. Walther Bindemann war für kleinere Städte der Ansicht, daß in Städten wie Ribnitz die Menschen vorsichtiger seien, da sie durch offensichtlichen Besuch der Friedensdekade berufliche Probleme erleiden könnten. Einige Teilnehmer waren der Ansicht, dass das zur Friedensdekade hergestellte Material weder inhaltlich noch religiös mindesten Ansprüchen genüge.

Als  der Schweriner Stadtrat für Inneres bei den Veranstaltungen der Friedensdekade 1984 wesentlich mehr jugendliche Teilnehmer zwischen vierzehn und sechzehn als in den Jahren zuvor registrierte berief er die Direktoren verschiedener Schulen ein. Er ermahnte sie die Jugendlichen vom Besuch der Friedensdekade abzuhalten.[11]

Auf der AGF-Sitzung am 25. April 1985 bilanzierte der scheidende AGF Vorsitzende Walther Bindemann die Zeit seines Wirkens mit den Worten: „1. Phase der Friedensarbeit zu Zeiten von ‚Schwerter zu Pflugscharen‘ hätte es eine regelrechte Friedenswelle gegeben, die zu einem schnellen Aufschwung der Friedensarbeit geführt habe. 2. Phase der Friedensarbeit: ab Herbst 1983 war gekennzeichnet von einem allmählichen Rückgang der Friedensarbeit in Mecklenburg und darüber hinaus und ein Rückgang aller analogen Aktivitäten. Heute werde die Friedensarbeit zum  Teil noch in den Gemeinden weitergeführt, u.a. im Zusammenhang mit Vorbereitung und Durchführung der jeweiligen Friedensdekaden.“"[12]

Die Friedensdekade 1986 fasste der Stadtrat von Schwerin mit den Worten zusammen, es habe keine „vordergründigen Provokationen“ gegeben.[13] Die Propstei Boizenburg nannte ihre zentrale Friedensdekadenveranstaltung im Jahr 1987 „Ich fühle mich wie eingesperrt“.[14] Während der Friedensdekade des Jahres 1988 gedachte einige Kirchengemeinden der

Reichskristallnacht von 1938. In ländlicheren Regionen wurde jedoch anlässlich dieser Friedensdekade  nur noch ein Gottesdienst gefeiert.[15] Die Friedensdekade im November 1989 war nach dem Mauerfall sehr schlecht besucht.

In vielen Kirchengemeinden wird die Friedensdekade bis heute mit unterschiedlichen Veranstaltungen begangen.

 

[1] https://de.wikipedia.org/wiki/...

[2] https://de.wikipedia.org/wiki/...

[3] Gienke, Horst: Dome, Dörfer, Dornenwege. Lebensbericht eines Altbischofs, Rostock 1996, S. 270.

[4] Vgl. Besier, Gerhard: Der SED-Stat und die Kirche 1969-1990, Berlin 1995, S. 771.

[5] Vgl. Besier, Gerhard: Der SED-Stat und die Kirche 1969-1990, Berlin 1995, S. 353.

[6] Vgl. Fricke, Caroline:  Politisch bedingte Konflikte von Jugendlichen im Bezirk Schwerin 1971 – 1989, Potsdam 2014, S. 706. https://publishup.uni-potsdam....

[7] . "Information über Inhalt und Aufgaben, die sich aus der Arbeitsberatung vom 30. 7. 1981 des Staatssekretärs für Kirchenfragen mit den Sektorenleitern für Kirchenfragen bei den Räten der Bezirke ergeben" vom 3. August 1981, Landesarchiv Greifswald Rep. IV/b/2.13 Nr. 612/1 Bl. 116.

[8] Information über kirchliche Aktivitäten im Zusammenhang mit der 'Friedensdekade' von 08. 11. bis 18. 11. 1981" BStU, MfS, BV Rostock Abt. XX Archiv - Nr. 501 Bl. 117.

[9] Vgl. Ebenda..

[10] Harder, Hans-Martin: Kirche - Recht - Wirtschaft. Aufsätze und Beiträge aus vier Jahrzehnten, Frankfurt/Main 2007, S. 88.

[11] Vgl. Fricke, Caroline:  Politisch bedingte Konflikte von Jugendlichen im Bezirk Schwerin 1971 – 1989, Potsdam 2014, S. 438. https://publishup.uni-potsdam....

[12] "Überarbeiteter schriftlicher Bericht Nr. 8 des IMB "Heinz" vom 2.5.1985" BV Rostock AIM 3275/90 Teil I Bd. III, Bl. 142-143.

[13] Vgl. Fricke, Caroline:  Politisch bedingte Konflikte von Jugendlichen im Bezirk Schwerin 1971 – 1989, Potsdam 2014, S. 440. https://publishup.uni-potsdam....

[14] Vgl. Ebenda, S. 598.

[15] Vgl. Ebenda, S. 441.