Widerstand in Mecklenburg-Vorpommern

Schwerin: SED-Demo und Neues Forum-Gegendemo

23. Oktober 1989

Neues Forum Demonstration

„Als das NF mit Martin Klähn, einem der Erstunterzeichner des NF, Martin Proksch und Heiko Lietz für den 23. Oktober nach dem Friedensgebet im Dom zu einer Demonstration aufgerufen hatte, beschloß die Schweriner SED-Bezirksleitung mit ihrem Chef Heinz Ziegner eine Gegendemonstration auf dem gleichen Platz zur gleichen Stunde, die mit Krenz in Berlin abgesprochen war. Die SED wollte nachweisen, daß es Regionen in der DDR gab, die sich nicht am Aufbegehren beteiligten. Für die inszenierte Zustimmungsdemonstration wurden zuverlässige Genossen als Claqueure herbeigeholt, ein Lautsprecherwagen der NVA spielte zusätzlich Beifall ein. Da aber nach alter SED-Methode nichts dem Zufall überlassen werden sollte, wurden an Funktionäre Waffen ausgegeben, Zuführungs- und Internierungspunkte bereitgestellt und Kampfgruppen mobilisiert. Die SED plakatierte die Demonstration als Dialogveranstaltung, verweigerte aber den Schweriner Initiatoren des NF das Rederecht und drohte ihnen bei einem Vorgespräch offen. Erst wenige Stunden vor der Demonstration beschloß die NF-Gruppe die Kundgebung zu verlassen, wenn die SED-Redner allein sprechen würden, was binnen kürzester Zeit über Telefon und Mund-zu-Mund-Propaganda verbreitet wurde." Eine noch nie dagewesene Menge von 40.000 Demonstranten hatte sich am Alten Garten versammelt. Als Ziegner ihnen u.a. erklärte, daß die SED ‚kein Ohr und keine Zeit‘ hätte für ‚Ratschläge, die daraufzielen, den Sozialismus zu beseitigen‘, marschierte die NF-Gruppe vom Platz, gefolgt von den meisten der versammelten Demonstranten. Ziegner blieb wie ein begossener Pudel stehen und verdrückte sich durch eine Hintertür.“[1]

[1] Schmiegelow Powell, Angelika (Hg.): Güstrow im Aufbruch Herbst 1989. Dokumente und Erinnerungen, Charlottesville 2004, S. 48.

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