Widerstand in Mecklenburg-Vorpommern

Jürgenstorf: Lehrling erlebt Biermannausbürgerung

17. November 1976

Jugendopposition Biermannausbürgerung

Der Theatermacher Manuel Soubeyrand[1] schreibt: „Herbst 1976, das bedeutete für mich das Schuljahr, in dem ich mein Abitur und den Facharbeiterabschluß machen mußte. Das war in dem Internat mit dem schönen Namen: BBS ‚Wilhelm Pieck‘ des VEG (Z) Jürgenstorf (mit ‚t‘) in der Nähe der Reuterstadt Stavenhagen, wo alles Bedeutende nach dem Mecklenburger Heimatdichter Fritz Reuter hieß. … Der faule Bodo aus Berlin, der auch noch doof war und später hauptberuflich zur Stasi ging, wo es die Faulen übrigens häufig hintrieb, erzählte, daß er gestern abend mal nicht — wie montags üblich — in der Kneipe war, sondern im Internat geblieben und einsam im Fernsehraum die ak geguckt hatte: ‚die war jestern‘, so Bodo, ‚ma richtig interessant. Weeste, die ham den Biermann ausjewiesen ...‘ Ich stand dabei, rauchte, hörte, und es kam auch an, und während es mir so sanft die Beine wegzog, fragte ich Bodo: ‚Was war ?‘ ‚Na dem Biermann hamse dit Recht uffn Uffenthalt wechjenommen ... kam jestern inne ak.‘ (So hießen die Nachrichten im DDR-Fernsehen.)… Ich stürzte aufs Zimmer, griff mir die ‚Junge Welt‘, rannte aufs Klo, dem einzigen abschließbaren Raum. Eigentlich hoffte ich immer noch, daß Bodo, der Idiot, spinnt. Aber dann las ich die berühmte ADN-Meldung. Vom Klo schlich ich wieder ins Zimmer. Nichts kapiert. Wieso ausgebürgert? Wieso nach einem Konzert in Köln? Wie kam Wolf überhaupt nach Köln? Ich wußte nichts von diesem Konzert, nichts von dieser Reise. Wolf hatte ich im Oktober, ungefähr vor vier Wochen, das letzte Mal gesehen. Oft, wenn ich am Wochenende, nach Berlin fuhr, besuchte ich ihn. Das war eigentlich so, seit er sich 1965 von meiner Mutter getrennt hatte. … Ich saß in Jürgenstorf auf'm Klo mit einer Klatsche im Kopf, schlich wieder ins Zimmer, schwach. Der BBS Direktor kam mir auf dem Gang entgegen und fragte mich, wie es mir ginge. Das Merkwürdige dieses Moments wurde mir gar nicht bewußt: Sonst kam der Direktor nie in der Mittagspause in den Wohntrakt der Lehrlinge, um sich nach dem Befinden des einen oder anderen zu erkundigen. Erst später war mir klar, daß es nicht Zufall war, sondern das selbst hier in meinem Jürgenstorfer Kaff die Sorgfalt der Stasi wirkte. ‚Na ja, es geht mir ... gut.‘, noch irgend eine Belanglosigkeit hab ich dahingemurmelt, und dann ging er wieder. Ich weiß nicht mehr genau wie die nächsten Stunden und Tage vergingen. Ein Telegramm kam an, von Carmen, meiner Jungendflamme. Meine Mutter erreichte mich per Telefon. Später erzählten mir meine Freunde aus Berlin, daß sie die ganzen Tage versucht hätten, mich anzurufen. Es gab im Internat eine Art Empfangsbüro, besetzt mit einem Erzieher. Dort war auch das Telefon, über das einem Nachrichten übermittelt wurden und zu diesem man auch außerhalb des Unterrichtes gerufen werden konnte. Meinen Freunden wurde aber nur mitgeteilt, ich wäre mit unbekanntem Ziel im Urlaub, was gar nicht erlaubt war. … Ich war ja in einem sozialistischen Musterinternat, Radio war zwar erlaubt, aber die erlaubten Sender (ausschließlich die des DDR-Rundfunks) mußten mit einem Stück Pflaster auf der Radioskala markiert sein, damit bei einer plötzlichen Kontrolle gesehen werden konnte, ob die Sendernadel auch auf der richtigen Markierung (Frequenz) stand. Es war gespenstisch, wie man in Jürgenstorf abgeschnitten war von jeder Meinung. Man hat nur immer diese Beballerung aus allen Rohren der DDR-Ideologie gehört. Unser Klassenlehrer nahm die Klasse zusammen (später erfuhr ich, daß das an allen Schulen gemacht worden war) und gab scheinbare Hintergrundinformationen aus vorgefertigten Informationsheftchen. Er zitierte nur einzelne Zeilen aus Gedichten von Wolf. Alles natürlich aus dem Zusammenhang gerissen und schön neu passend zur Begründung der Ausbürgerung zusammengesetzt. Textzeilen aus verschiedensten Liedern und Gedichten völlig neu zusammengeklebt und den staunenden Lehrlingen präsentiert. Ich wollte nichts als nach Berlin. Freitag: Am Ostbahnhof holten mich paar Freunde ab. Sie erzählten, daß am Abend ab 23.00 Uhr das ‚Kölner Konzert‘ auf ARD in voller Länge gezeigt werden würde, und sie hatten organisiert, daß wir es bei einem älteren Bekannten sehen konnten. Das war emotional neutraler Boden und mir recht. Aber zuerst mußte ich nach Hause; zu meiner Mutter, ihrem Mann, meinem kleinen Bruder Jonas, dem gemeinsamen Sohn von Wolf und meiner Mutter. Ich wurde schon empfangen wie auf einer Beerdigung, und bevor ich etwas sagen konnte, fingen die beiden an, die Geschichte politisch zu deuten. Ein hilfloser Versuch, Erklärungen zu finden, die mich hätten trösten sollen. Mir war das unangenehm, hatte eher ein Gefühl von Alleinsein. Meine Mutter wiederum hatte Sorge, daß ich irgend etwas machen könnte, was mich mit der Staatsmacht konfrontieren würde, immer noch die beiden Havemann-Söhne Franki und Flori vor Augen, die nach dem Einmarsch in die CSSR die Fahne raushingen und Dubcek — Svoboda auf eine Häuserwand pinselten und dafür in den Knast gesteckt wurden. … Ich wollte trauern, in die Chausseestraße gehen, zu Tine, zu Eva und den andern engen Leuten. 23 Uhr, ARD, das Kölner Konzert. Vorab eine Erklärung von Wolf an die Zuschauer, vor allem in der DDR und an die Mächtigen des Landes. Ich mußte schlucken, denn ich sah, wie schlecht Wolf aussah, die Ringe untern Augen noch tiefer als sonst und alles so bedrückt, auch einsam. Dann begann das Konzert, und ich sah es unter einem doppelten Mikroskop, zum einen suchte ich — wie wohl jeder in der DDR, wo denn nun die ganze Sprengkraft säße, die zur Ausbürgerung geführt hatte, welches Lied, welches Gedicht oder welcher Satz es denn nun am meisten war. Gleichzeitig sah ich aber auch meinen Vater zum ersten Mal in einem Konzert. Früher, vor dem Verbot konnte ich ja keines sehen, da war ich noch zu klein. Ich kannte zwar jeden Text, jedes Lied, aber alles ‚aus dem Zimmer heraus« und nun vor so vielen Menschen in Köln. Ich war bei all dem Elend auch mächtig stolz. Ich wußte, es war das letzte Mal, daß ich Wolf so lebendig vor mir sah und hörte. … Wir setzten uns ins Taxi, ließen uns in der (damaligen) ‚Wilhelm- Pieck Straße‘ absetzen, kurz hinter der Kreuzung Friedrichstraße/ Chausseestraße und blickten hinüber auf die stumpfe Ecke mit den zwei Eingängen. Rechts die 131 b, links die 131a. Es parkten 2 Polizei-Lada und ein ziviler (Stasi) Barkas auf der kurzen Straße, wo zwischen den beiden Eingängen noch ein Süßigkeiten-Geschäft war. In beiden Eingängen standen je zwei Stasi-Leute. Deutlich erkennbar, und das wollten sie natürlich auch. Uns war ängstlich zumute. Man ging nicht gerne eng an denen vorbei, vielleicht ließen sie einen auch gar nicht durch. O. k., wir waren ja auch deshalb zu zweit, damit wir bißchen mehr Mumm hatten, und so trabten wir los. Das Unheimliche war, sie ließen uns passieren, schauten uns nicht einmal genau an. Drinnen war es dämmrig, wie es in den Berliner Hausfluren so ist. Wolf wohnte im 2. Stock, und es war wie in einer Gespensterbahn: In jeder Kurve stand so ein Gespann von Stasi-Leuten, drei Kurven, drei Paare, und sie machten einfach nichts hielten uns nicht auf, fragten nichts, guckten uns nicht an, war wirklich gruselig. Oben klingelten wir. Ich weiß nicht mehr, wer aufmachte. Tine war da und Bille, die Tochter von Robert Havemann und noch eine Frau, die ich nicht kannte.“[2]

[1] https://de.wikipedia.org/wiki/...

[2] Biermann, Wolf / Pleitgen, Fritz  (Hrsg.): Die Ausbürgerung, 2001, S. 91ff.