Widerstand in Mecklenburg-Vorpommern

Das Mobile Friedensseminar im Westen Mecklenburgs - Langversion /Teil II

Friedensseminare

Auch in Vorbereitung des Friedensseminars von 1988 sprach Heiko Lietz als Vorsitzender der AGF als auch Verantwortlicher des Friedensseminars mit zuständigen Personen und Gremien.

Von staatlichen Organen wurden kirchliche Verantwortungsträger wiederum in Gesprächen mit staatlichen Stellen auf ihre Verantwortung hingewiesen.

In der Koordinierungsgruppe Kirchenfragen beim Rat des Bezirkes Schwerin notierte Schwoerke am 4. Dezember 1987, daß ein Herr Willi Röbke zukünftig für Friedensfragen und Friedensseminare innerhalb der Koordinierungsgruppe zuständig sei. Am 22. Februar 1988 wurde in einer Aufgabenstellung für den Rat der Stadt Schwerin sowie die Räte der Kreise aus dem vom Sekretariat der Bezirksverwaltung Schwerin der SED am 10. Februar 1988 bestätigten Schlußfolgerung verfügt, daß die Entwicklung kirchlicher Gruppen, insbesondere Friedens- und anderen Gruppen eine ganz besondere Wachsamkeit entgegenzubringen ist. Mindestens quartalsweise seien Einschätzungen über die Gruppen, ihre Zusammensetzung, Leitung, Profilierung und politische Wirksamkeit zu erarbeiten und durch die Koordinierungsgruppe für Kirchenfragen auszuwerten.

Auch infolgedessen führte am 18. Juli 1988 das Volkspolizeikreisamt Bützow mit dem Gemeindekirchenrat Heinrich Hoffmann aus Bernitt eine Aussprache. Diesen hatte Heiko Lietz vorher gefragt, ob das Friedensseminar wieder in den Räumen des Pfarrhauses in Bernitt stattfinden dürfe. Hoffmann hatte sich bei Axel Walter, der am 1. November 1987 Nachfolger von Sagert im Amt des Landessuperintendenten in Güstrow geworden war, seine Zustimmung bestätigen lassen. Daraufhin wurde Hoffmann mitgeteilt, daß er Einfluß zu nehmen habe, daß Veranstaltungen außerhalb des Kirchengeländes beim VPK anmeldepflichtig sind.

 

Einen Monat zuvor, am 23. Juni 1988, legte die Bezirksverwaltung der Staatsicherheit in Schwerin eine erste Konzeption zu Vorbeugung und Verhinderung feindlicher Aktivitäten im Zusammenhang mit dem Mobilen Friedensseminar vor. Wieder wurde in der KD Bützow eine Arbeitsgruppe gebildet und Gespräche mit der Kirchenleitung und anderen kirchlichen Amtsträgern veranlaßt.

 Am 25. Juli 1988 wurde daraufhin durch einen Vertreter des Rates des Kreises Bützow, Abteilung Inneres, ein Gespräch mit Probst Schmachtel geführt. Parallel zum Gespräch mit Kirchgemeinderat Hoffmann wurde dieser auf die Anmeldepflicht von Veranstaltungen außerhalb kirchlicher Räume hingewiesen und nach der kirchlichen Verantwortung gefragt.

 

Etwa 20 Teilnehmer, weniger als erwartet, nahmen vom 29. Juli bis zum 5. August 1988 am Friedensseminar teil. Es fand wiederum ausschließlich im Pfarrhaus von Bernitt statt. Im Vorfeld des Friedensseminars wurden Einreisesperren gegen fünf Niederländer und einen Bundesbürger eingeleitet, in deren Folge vier der Personen aus den Niederlanden an der Grenze zurückgewiesen wurden. Wie im Vorjahr wurde nach dem Frühstück am Gelände des Pfarrhauses gearbeitet und nachmittags eine Wanderung in die nähere Umgebung unternommen. An manchen Abenden wurde über Aktuelles diskutiert, da erstmals kein Thema vorgegeben war.

Lietz gab seiner Enttäuschung über das Friedensseminar insoweit Ausdruck, daß er sich nicht bereit erklärte, noch einmal ein Friedensseminar in dieser Form durchzuführen.

In einem Bericht an den Staatssekretär für Kirchenfragen für die Monate August/September schrieb der Stellvertreter für Inneres des Rates des Bezirkes Schwerin lapidar: „Vom 30.7. bis 6.8. fand in Bernitt das VII. Mobile Friedensseminar statt.“[1]

 

Für 1989 planten Lietz und die Veranstalter des Friedensseminars im Osten Mecklenburgs  um Roland Schäper (Meckel hatte 1988 Mecklenburg verlassen), ein gemeinsames Abschlußwochenende in Waren zu veranstalten. Laut einer Stasiakte vom Juni 1989 sollte die Wanderung in Klueß beginnen und längs dem Krakower See Richtung Waren verlaufen. Ulrike Poppe meldete zur Wanderung den Gewerkschaftssekretär des Hauptvorstandes des DGB Walter Schweizer und die Lehrerin aus Frankfurt/Main Johanna Weinrich an. Bei Heiko Lietz meldete sich auch Kai Bollmann aus Dänemark als möglicher Teilnehmer. Diesmal wurde ebenfalls kein Thema vorgegeben. So wie im Vorjahr fand das Seminar ausschließlich in Kirch-Kogel statt.

Lietz war schon im Verlauf des Friedensseminars 1988 der Gedanke aufgegangen, die mittlerweile etwas unverbindlicher gewordene Art des Friedensseminars zu ändern. Daher etablierte er eine zweite Gruppe im selben Sommer, die den eher inspirierten Charakter der ersten Friedensseminare wieder aufnehmen  sollte. Vor allem der vermehrte Zustrom nichtmotivierter neuer Teilnehmer, die Vielzahl von Kindern bei den letzten Seminaren und der dadurch bedingte Urlaubscharakter trieben ihn zu diesem Schritt.

 

Das Abschlußwochenende verbrachten die Gruppen gemeinsam in Waren, was schon frühzeitig, kurz nach Ende des 1988er Friedensseminars, so geplant worden war.[2] Die zentrale Veranstaltung des Abschlußwochenendes sollte eine „Konfliktbewältigungsspielszene“ sein. Am Sonntag, dem 6. August, schloß ein Gottesdienst in Waren das Friedensseminar ab.

 

 

DIE FRIEDENSSEMINARE NACH 1989

 

Das Mobile Friedensseminar 1990  fand nach der friedlichen Revolution 1989 erstmals im Ausland, in Nijmegen/Niederlande statt. Hier beschlossen die Teilnehmer eine thematische Wende: Abwendung von der Ost-West-Problematik hin zu Nord-Süd-Themen. Gleichzeitig wurde schon hier der verstärkte Umschlag der Folgejahre von einer innigen Seminaratmosphäre zu einer Veranstaltung auf rein privater Gewogenheitsbasis spürbar.

Das Mobile Friedensseminar 1991 feierte sein zehnjähriges Bestehen in Kritzkow/Mecklenburg. 20 Holländer, Vietnamesen und Deutsche besuchten während dieser Zeit unter anderem die Asylbewerberheime in Weitendorf und Vogelsang.

Im Jahre 1993 versammelte sich das Seminar wieder in den Niederlanden.

Einen Versuch, politisch wirksam zu werden, unternahm das Mobile Friedensseminar 1995, das wieder in Mecklenburg stattfand. Es verfaßte einen Aufruf gegen die Atombombentests durch Frankreich auf dem Mururoa-Atoll im Pazifik. Diesen unterschrieben in den folgenden Wochen ca. 700 Güstrower Bürger.

Nachdem das Friedensseminar seit 1993 noch alle zwei Jahre stattfindet, fand es zuletzt 1997 und 1999 in der Tschechischen Republik seinen Ort.

 

 

ERGEBNISSE DES MOBILEN FRIEDENSSEMINARS

 

Seinem Selbstverständnis nach ist das Mobile Friedensseminar ein auf persönlicher Begegnung beruhender Ort für grenzüberschreitenden Gedankenaustausch. In inspirierter, nicht ausschließlich seminaristischer Atmosphäre sollen aus der Erfahrung des persönlichen, eingehenden Gesprächs und nicht bloß individuell theoretischer Erwägung, Handlungskonzepte für persönliche und gesellschaftliche Problembewältigungsstrategien  gewonnen und brauchbar gemacht werden.

Dies war eine wesentliche Ressource oppositionellen Handelns, nicht nur  in der DDR, und wurde bei den Teilnehmern aus Ost und West als solche auch vielfach wirksam. Sieht man diese Befähigung als Ziel des Mobilen Friedensseminars, wurde es erreicht.

Mit welchen verschiedenen Erwartungen die Teilnehmer aus mindestens sechs verschiedenen europäischen Staaten das Friedensseminar bisher besuchten, kann nicht beschrieben werden. Briefe und andere überlieferte Meinungsäußerungen  legen jedoch den Schluß nahe, daß sie bei je unterschiedlichen Voraussetzungen geteilte Erfahrungen mit in ihre Länder nehmen und damit zur Bildung eines europäischen Bewußtseins „von unten“ beitragen.

Dies geschah vor 1989 auch national, innerhalb der DDR. Die Wirkungen des Friedensseminars auf kirchliche und gesellschaftliche Vorgänge ist durch den Verzicht auf „Aktionen“ zwar nie intendiert gewesen, hat aber durch die „Erbauung“ seiner Teilnehmer zweifelsohne diese nicht nur in der Wendezeit und im engsten persönlichen Rahmen nachhaltig beeinflußt.

Dies weckte das Interesse der staatlichen Organe der DDR, die in unverhältnismäßig hohem Maße das Friedensseminar und seine Teilnehmer observierte und gelegentlich maßregelte.

Nach der Wende im Jahre 1989 erschlossen sich für ehemalige DDR-Bürger mehr Möglichkeiten, einen Urlaub zu verbringen oder Inspiration zu suchen. Das Bedürfnis nach persönlicher Begegnung aber blieb. So entwickelte sich das Mobile Friedensseminar unter Wegfall des oppositionellen Zwecks zu einer eher privaten Veranstaltung Gleichgesinnter aus verschiedenen Ländern, die ihren politischen Ambitionen in anderen Foren nachgehen und das Seminar nur noch selten nach außen politisch in Stellung bringen.

Das Ende des Ost-West-Konflikts lenkte den Blick von der Spaltung auf das Einende Europas, welches im Mobilen Friedensseminar schon seit 1981 und auch in Zukunft praktiziert wird.

 

 

DIE KIRCHE UND DAS FRIEDENSSEMINAR

 

In der Verantwortungsübernahme für das Mobile Friedensseminar durch die AGF ist ein eingeschränktes Bekenntnis der ELLKM zum Mobilen Friedensseminar zu erkennen. Das Seminar wurde auch zu einem Gegenstand des jährlichen Arbeitsberichtes der AGF und damit des Arbeitsberichts des OKR an die Landessynode. Daneben nahm sich die AGF auch des öfteren nicht nur der technischen und innerkirchlichen Probleme des Friedensseminars an, sondern führte gelegentlich auch sein Anliegen fort, wie 1984 in einem Brief an niederländische Kirchen bezüglich der Nachrüstung.

Trotzdem generierte das Mobile Friedensseminar innerkirchliche Probleme. Aversionen kirchenleitender Persönlichkeiten seinen Veranstaltern gegenüber wie auch generelle Kritik an der Arbeit der AGF seitens kirchlicher Mitarbeiter bedingten Konflikte, die in jedem Jahr aufs Neue hervortraten. Diese Konflikte nutzten der Staatssicherheitsdienst und die „offizielle Kirchenpolitik“ für ihre Differenzierungspolitik.

 

Im Zentrum der innerkirchlichen Auseinandersetzungen standen die beiden Landessuperintendenten Sagert aus Güstrow und Goldenbaum aus Rostock. In ihren Amtsbereichen konzentrierten sich die Aktivitäten des Friedensseminars. War Goldenbaum ein eher zurückhaltender Amtsträger (im übrigen IM des MfS), ist von Sagert erst ab Mitte der 1980er Jahre Unterstützendes ausgegangen.

Aber auch andere Landessuperintendenten hatten des öfteren das Friedensseminar gegenüber staatlichen Stellen zu verantworten. Neben mindestens vier Gesprächen des Mitarbeiters für Kirchenfragen beim Rat des Bezirkes Schwerin, Franze, mit verschiedenen Oberkirchenräten und dem Landesbischof im Vorfeld des 1984er Friedensseminars, kam es beispielsweise zu mehreren diesbezüglichen Gesprächen zwischen Vertretern des Rates des Bezirkes Neubrandenburg mit den Landessuperintendenten Timm und Winkelmann als auch Pastor Zarft aus Neustrelitz.

 

Teile der Pfarrerschaft wandten sich jährlich gegen das Mobile Friedensseminar und seine Veranstalter. Diese waren aber nicht ernsthaft willens oder in der Lage, das Friedensseminar nachhaltig zu behindern oder gar zu verhindern.

 

Inwieweit Gemeindekirchenräte sich für oder wider das Mobile Friedensseminar verwandten, ist nicht feststellbar. Tatsache aber ist, daß spätestens ab 1984 seitens der Räte der Kreise versucht wurde, Gemeindekirchenratsmitglieder über die Bürgermeister in die Beobachtung und Behinderung des Friedensseminars mit einzubeziehen.

 

Unterstützt wurde das Mobile Friedensseminar und sonstiges oppositionelles Handeln in der Mecklenburgischen Landeskirche durch die beiden in den achtziger Jahren amtierenden Bischöfe Rathke und Stier.[3] Dies belegen nicht nur die Mehrheit der überlieferten Akten, auch die Aussagen der Initiatoren des Friedensseminars bestätigen diese Einschätzung. Dieses letztinstanzlichen innerkirchlichen Rückhalts versicherte sich das Friedensseminar des öfteren in Gesprächen.

 

 

DIE SED

 

Da die Überlieferung aus dem SED-Apparat sehr spärlich ist, kann nicht be- oder widerlegt werden, daß die SED auf ZK- oder Bezirksebene durchgehend die zentrale und anleitende Instanz unter den das Friedensseminar bearbeitenden Organen und Organisationen war.

In einer Stasiakte wurde unter Bezug auf die Frage der Einreise von Ausländern zu den Friedensseminaren festgestellt: „Forderung/Standpunkt ZK der SED, Genosse Krenz: Erkannten feindlich-negativen Kräften ist die Einreise nicht zu gestatten.“[4] Inwieweit das Politbüromitglied Egon Krenz sich hier tatsächlich explizit auf die Friedensseminare bezieht, geht aus dem Aktenauszug nicht hervor. Eine schriftliche Äußerung von Egon Krenz bezüglich des Friedensseminars konnte weder in den zeit- und sachnahen Akten des Büros Krenz noch in denen der Arbeitsgruppe Kirchenfragen beim ZK der SED gefunden werden.

Ein Gesprächsprotokoll, das am 30. August 1985 in der Abteilung Kirchenfragen beim ZK der SED angefertigt wurde sowie einige weitere Dokumente belegen aber, daß die SED auch auf Staats- und Bezirksebene an der Aufklärung und Verhinderung der Mobilen Friedensseminare von Lietz und Meckel interessiert war.

Die Informationsbeschaffung zum Mobilen Friedensseminar erfolgte nahezu ausschließlich über das MfS, so daß der Informationsstand der SED nie über den der Staatssicherheit hinausging. Konkrete Initiativen der SED zur weiteren Bearbeitung des Mobilen Friedensseminars sind daher kaum erkenn- und belegbar. Es wurde aber sicher in der „Aufgabenstellung für den Rat der Stadt Schwerin sowie die Räte der Kreise aus den vom Sekretariat der Bezirksleitung Schwerin der SED am 10.02.1988 bestätigten Schlußfolgerungen“ mitgemeint, in denen es hieß: „Den Entwicklungen kirchlicher Gruppen, insbesondere Friedens- u. a. Gruppen ist eine ganz besondere Wachsamkeit entgegenzubringen. [...] Staatliche Administration ist nur anzuwenden, wenn alle Versuche, mit kirchlichen Verantwortlichen im politischen Gespräch Lösungen zur Abwehr bestimmter Aktivitäten zu erreichen, fehlgeschlagen sind.“[5]

Bei der Partei waren aber die Koordinierungsgruppen zur Kirchenpolitik angesiedelt. In diesen versammelten sich die für die Kirchenpolitik zuständigen Vertreter der SED, der Verwaltung, der Volkspolizei und des MfS. Auf Kreis- und Bezirksebene angesiedelt, wurde hier das jeweilige Vorgehen gegenüber der Kirche abgestimmt. (Dokument 11)

Alle Hierarchiestufen der Partei  wurden nachweislich ab 1983 jährlich über das Friedensseminar informiert.

 

 

DIE KIRCHENPOLITISCHEN VERWALTUNGSORGANE

 

Auf Seiten der exekutiven Organe des Staatsapparates befaßte man sich auf allen Ebenen mit dem Mobilen Friedensseminar, vom Staatssekretär für Kirchenfragen bis hin zu den Bürgermeistern der Gemeinden, in denen es stattfand. Hierbei standen die Beschaffung von Informationen, deren Weiterleitung an höhere Instanzen und das Gespräch mit kirchlichen Amtsträgern im Mittelpunkt.

Der innerhalb dieser Hierarchie vorhandene Fluß kirchenpolitischer Information basierte vornehmlich auf den „Kirchenpolitischen Berichten“. Nach einem definierten Schlüssel wurden in ihnen Berichte über kirchenpolitisch relevante Themen des jeweiligen Verantwortungsgebietes summarisch zusammengefaßt und an die jeweils übergeordnete Behörde weitergegeben. Bürgermeister kleiner Gemeinden waren in dieses Informationssystem nicht umfassend und regelmäßig einbezogen. Sofortmeldungen und die Berichterstattung nach erfolgten Gesprächen mit kirchlichen Amtsträgern waren vorherrschendes Instrument auf dieser Ebene.

Regelmäßig hingegen erfolgte die Berichterstattung der Stellvertreter für Inneres der Räte der Kreise und ihrer Mitarbeiter für Kirchenfragen an den Stellvertreter für Inneres des Rates des Bezirkes Schwerin, Schwoerke, und seinen Mitarbeiter für Kirchenfragen, Franze. Sehr wahrscheinlich ist, daß die Mehrheit der Mitarbeiter für Kirchenfragen auf Kreis- und Bezirksebene IM des Staatssicherheitsdienstes waren, somit dem Staatssicherheitsdienst berichteten und von diesem Instruktionen erhielten.[6]

Das Gewicht, welches dem Seminar in den Berichten der Stellvertreter für Inneres der Kreise beigemessen wurde, hielt sich bis in die kirchenpolitischen Berichte des Rates des Bezirkes an den Staatssekretär für Kirchenfragen durch. Regelmäßig berichtete der Stellvertreter für Inneres beim Rat des Bezirkes Schwerin an den Staatssekretär im Vorfeld und der unmittelbaren Folgezeit des Friedensseminars. (Dokument 12)

Vom Staatssicherheitsdienst ko-inspirierte, abgestimmte Gesprächsführungen blieben das einzige Mittel des direkten Eingreifens der kirchenpolitischern Verwaltung in die Bearbeitung des Mobilen Friedensseminars.

 

DER STAATSSICHERHEITSDIENST

 

Die kirchenpolitische Abteilung des Ministeriums für Staatssicherheit (im folgenden HA XX/4) war gemäß dem Linienprinzip des Ministeriums für Staatssicherheit die entscheidende unter all den Abteilungen, die durchgängig mit der Bearbeitung des Mobilen Friedensseminars befaßt waren. Von 1979 bis zu ihrer Auflösung 1989 wurde sie von Oberst Joachim Wiegand geleitet, dessen erster Stellvertreter Oberst Klaus Roßberg war. Alle in den Bezirksverwaltungen der Staatssicherheit zum Mobilen Friedensseminar gewonnenen Erkenntnisse von operativer Relevanz wurden an die HA XX/4 weitergeleitet. Hier wurden die Maßnahmepläne zur geheimdienstlichen Bearbeitung des Mobilen Friedensseminars und seiner Teilnehmer erarbeitet, mindestens von den Bezirksverwaltungen eingereicht und genehmigt. 

Die Namen des Leiters des für die Evangelische Kirche innerhalb der HA XX/4 zuständigen Referates I und seines Stellvertreters (Steffen Reiche/Peter Jaschke) werden in den Akten nicht ein einziges Mal genannt. Daß das Mobile Friedensseminar von der HA XX/4 ausschließlich unter dem Aspekt der „Politischen Untergrundtätigkeit (PUT)“ und nicht dem seiner kirchlichen Angebundenheit bearbeitet wurde, kann nicht mit Sicherheit behauptet werden. Dazu müßte bekannt sein, welche Angestellten der HA XX/4 sich mit welchen Aufgaben hinter der häufig wiederkehrenden Formulierung „Ein Mitarbeiter der HA XX/4)“ verbergen.

Die auf das Mobile Friedensseminar bezogene Arbeit der HA XX/4 bestand hauptsächlich darin, die aus den Bezirksverwaltungen des MfS (vor allem der in Schwerin) eintreffenden Berichte, nebst denen der von der HA XX/4 selbst geführten IM, auszuwerten und auf dieser Grundlage Maßnahmepläne zu beschließen oder Direktiven und Leitlinien für die BV zu formulieren. Die Maßnahmepläne und Leitlinien galten für die BV gemäß dem Befehlsprinzip als handlungsanleitend. Sie enthielten beispielsweise genaue Definitionen der Verdachtsgründe und möglichen Straftatbestände, hinsichtlich derer gegen Teilnehmer und vor allem Veranstalter des Mobilen Friedensseminars ermittelt werden sollte. Des weiteren wurden hier die Zersetzungsmaßnahmen beschlossen, mittels derer die in Operativen Vorgängen (OV) bearbeiteten Teilnehmer des Seminars als Person zerstört, zumindest aber öffentlich verächtlich gemacht werden sollten.

Im Rahmen der langfristig ausgelegten Zersetzungs- und Ermittlungsarbeit veranlaßte oder unternahm die HA XX/4 auch kurzfristige Maßnahmen. Auf ihren Befehl hin wurden an Grenzübergangsstellen westdeutsche und holländische Seminarteilnehmer überprüft, Abhörmaßnahmen gegen Heiko Lietz und andere eingeleitet oder Einreisesperren verhängt. Auch an den temporären Arbeitsgruppen, die während der einzelnen Seminare vor Ort arbeiteten, war jeweils mindestens ein Mitarbeiter der HA XX/4 beteiligt.

Die HA XX/4 war in ihrer Entscheidungsfindung aber keineswegs autonom. Sie agierte in einem Rahmen, den höhere Instanzen innerhalb des Ministeriums vorgaben. So hieß es in einer Akte: „Die Vorbereitung und Durchführung des Einsatzes dieser operativen Kräfte und Mittel erfolgte entsprechend den Befehlen und Weisungen des Stellvertreters des Ministers, Genossen Generalleutnant Mittig, des Leiters der Hauptabteilung XX und der Leiter der Bezirksverwaltungen für Staatssicherheit Schwerin und Neubrandenburg auf der Grundlage vorliegender Konzeptionen und Maßnahmepläne.“[7]

 

Der größte Teil der Bearbeitung des Mobilen Friedensseminars entfiel aber auf die Bezirksverwaltungen des MfS. Neben der in Rostock war es vor allem die in Schwerin, die alljährlich die Beobachtung und Behinderung des Friedensseminars steuerte.  Verantwortlich war hier die Abteilung XX  unter ihrem Leiter Oberstleutnant Röbke. In seinem Verantwortungsbereich stand auch das  für die Kirchen zuständige Referat XX/4.  Dieses stand unter der Führung von Major Krull und war durchgehend mit Heiko Lietz und seinen Aktivitäten befaßt. Hier wurden Maßnahmepläne zum Friedensseminar entworfen und der IM-Einsatz im Vorfeld koordiniert.

Der Mitarbeiter dieses Referats Hauptmann Lorenz war mindestens bis 1985 Führungsoffizier des IM Günther Engel, bevor dieser sich ab Mitte 1985 häufiger mit dem Leiter des Referats XX/4 der BV in Rostock, Hauptmann Fiedler, traf. Ebenfalls durch einen Mitarbeiter des Referats XX/4 der BV Rostock, Leutnant Wegner, wurde der IM des MfS, Ines Fleckstein, geführt.

Neben dem kirchenpolitischen Referat war vor allem das Referat VIII (Beobachtung und Ermittlung) der BV Schwerin unter den Leitern Albrecht/Pinkatschek jährlich vor allem mit der operativen Beobachtung des Friedensseminars befaßt.

In ihrer Wirkung nicht zu unterschätzen sind die ebenfalls in der Bezirksverwaltung Schwerin geplanten Gespräche zwischen kirchenpolitischer Administration oder der Volkspolizei mit kirchlichen Amtsträgern oder Laien. Diese belegen nicht zuletzt die anleitende Funktion des MfS innerhalb der staatlichen Organe, die sich mit dem Mobilen Friedensseminar befaßten. Die Kreisdienststellen des MfS hatten eher eine ausführende denn entscheidende Funktion bei der Bearbeitung des Friedensseminars durch den Staatssicherheitsdienst.

 

Die Bearbeitung des Mobilen Friedensseminars erfolgte primär durch die Bearbeitung von Heiko Lietz durch das MfS im Rahmen des OV „Zersetzer“. Das Friedensseminar war als Ganzes nicht in einem eigenständigen OV erfaßt. Neben Abhörmaßnahmen fotografierte und filmte das MfS die Teilnehmer des Friedensseminars.  Je nach Einschätzung der auswertenden Mitarbeiter des Staatssicherheitsdienstes wurden daraufhin Maßnahmen in Bezug auf die einzelnen Personen als auch auf das Friedensseminar beschlossen. Diese Maßnahmen intendierten in der Regel die „Forcierung des Verunsicherungs- und Zersetzungsprozesses.“

Von 1984 bis 1989 wurden für die operative Bearbeitung des Friedensseminars sogenannte Einsatzgruppen (manchmal auch Arbeitsgruppe genannt) gebildet. Diese waren in der Regel sechs Personen stark und widmeten sich für die Dauer des Friedensseminars vor Ort der Informationsbeschaffung, -auswertung und -weiterleitung. Die hier versammelten Mitarbeiter aus den Kreisdienststellen, den Bezirksverwaltungen und dem Ministerium instruierten von der sich in „Beobachtungsobjektnähe“ befindenden Stabsstelle aus ihre jeweiligen IM und Mitarbeiter in den stationären und mobilen Beobachtungsstützpunkten und nahmen deren Berichte entgegen. Sie werteten diese aus und verfaßten einen täglichen Bericht für das Ministerium in Berlin. Die Arbeitsgruppe unterhielt „Informationsbeziehungen zu den Bezirksverwaltungen für Staatssicherheit, aus deren Verantwortungsbereich operative Zielpersonen anreisen“. Die „Zentrale“ dieser Arbeitsgruppen befand sich jeweils in Räumen der jeweils nächstgelegenen Kreisdienststelle des MfS, in der Regel in Bützow. Die hier entstandenen Lagefilme, die jede Maßnahme mit Orts-, Zeit- und Personenangaben dokumentierten, gehören zu den wenigen Sachakten (wenig im Verhältnis zu Personenakten), die das Mobile Friedensseminar betreffen.

Die Einsatzgruppe des MfS wies auch kooperierende staatliche Organe in deren Bearbeitungstätigkeit ein. Die Kreisdienststellen Röbel, Neustrelitz, Waren und Malchin der DVP hatten durch ABV und freiwillige Helfer die permanente „Kontrolle der Einhaltung der Veranstaltungsordnung und Meldeordnung“ zu gewährleisten. Durch „schwerpunktmäßige Streifentätigkeit“, den koordinierten „Einsatz inoffizieller Kräfte der AR I der VPKÄ“ und „die Einsatzbereitschaft von Mitarbeitern der Abteilung K“ waren „die zum Einsatz kommenden Kräfte der DVP in die Kontrolltätigkeit negativ in Erscheinung getretener Personenkreise einzubeziehen.“

 

TEILNEHMERVERZEICHNIS (unvollständig)

 

Teilnehmer

80

81

82

83

84

85

86

87

88

89

90

91

92

93

95

97

99

Backhaus, Regine

 

 

 

 

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Bandt, Ulrich

 

 

 

 

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Brock, Roland

 

 

 

 

 

 

 

 

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Burchard, Sigrid/Hutter

 

 

 

 

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Büttner, Edeltraud

 

 

 

 

 

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Colin, Ian

 

 

 

 

 

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Decker, Gisela

 

 

 

 

 

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Domburg, Wim

 

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Engel, Günther

 

 

 

 

 

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Falk, Kathrin

 

 

 

 

 

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Fleckstein, Ines

 

 

 

 

 

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Frohmüller, Sonja

 

 

 

 

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Glashagen, Sabine

 

 

 

 

 

 

 

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Glöckner, Conrad

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Haarmann, Mariet

 

 

 

 

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Hain, Peter

 

 

 

 

 

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Hein, Peter

 

 

 

 

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Hetherington, William

 

 

 

 

 

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Hoffmann, Judith

 

 

 

 

 

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Hutter, Hans

 

 

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Hutter, J.J

 

 

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Hutter, Jaap-Willem

 

 

 

 

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Janisch, Wolfgang

 

 

 

 

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Klasse, Johann

 

 

 

 

 

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Lietz, Heiko

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Mesdag, Emmi

 

 

 

 

 

 

 

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Mesing, Günther

 

 

 

 

 

 

 

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Mesing, Martina

 

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Oord, Cora

 

 

 

 

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Oosterhoff, Hans

 

 

 

 

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Oosterhoff, Menele?

 

 

 

 

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Oosterhoff, Sipke

 

 

 

 

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Oosterhoff, Tonny

 

 

 

 

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Poppe, Gerd

 

 

 

 

 

 

 

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Poppe, Ulrike

 

 

 

 

 

 

 

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Probst, Lothar

 

 

 

 

 

 

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 Reusche, Hermann

 

 

 

 

 

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Ritter, Karin

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Rödel, Ingelore

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Siemons, Roland

 

 

 

 

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Tiebel, Christoph

 

 

 

 

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Utpatel, henning

 

 

 

 

 

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Van der Spoel, Gabe

 

 

 

 

 

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Veltink, Peter

 

 

 

 

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Visser, Jaap

 

 

 

 

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Walter, Christiane

 

 

 

 

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Wasko, Hannelore

 

 

 

 

 

 

 

 

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Wegener, Thomas

 

 

 

 

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Wittenhagen, Dörte

 

 

 

 

 

 

 

 

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Zelck, Dieter

 

 

 

 

 

 

 

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Zelck, Ida

 

 

 

 

 

 

 

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[1] Vgl. Kirchenpolitische Berichterstattung für August/September 1988 vom RdB Schwerin an den Staatssekretär für Kirchenfragen, LHMV IV/F-2/14/777.

[2] Vgl. „FS 1988 Penzlin“ Handschriftliche (geheftete) Notizen, Archiv Gloßmann.

[3] Vgl. Hagen Findeis/Detlef Pollack (Hgg.): Selbstbewahrung oder Selbstverlust. Bischöfe und Repräsentanten der evangelischen Kirchen in der DDR über ihr Leben - 17 Interviews, Berlin 1999, S. 391.

[4] „Arbeitsberatung der MfS-Bezirksverwaltungen, Abteilung XX, Neubrandenburg, 26. September 1985“ in: Ulrich von Saß/ Harriet von Suchodeletz: feindlich-negativ, S. 66.

[5] LHMV IV/F-2/14/777.Unterstreichungen im Original.

[6] Vgl. Clemens Vollnhals: Die kirchenpolitische Abteilung des Ministeriums für Staatssicherheit, S. 18., in: Vollnhals, Clemens: Die Kirchenpolitik von SED und Staatssicherheit. Eine Zwischenbilanz, Berlin 1996 (Wissenschaftliche Reihe des Bundesbeauftragten für die Unterlagen des Staatssicherheitsdienstes der ehemaligen Deutschen Demokratischen Republik, Bd. 7).

 

[7] „Operativer Anhang zur Durchführung der kirchlichen Veranstaltungen in den Bezirken Schwerin und Neubrandenburg“ vom 13. August 1984, BSTU Ast. Nbg., BV Nbg. AKG Nr. 608.

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