Widerstand in Mecklenburg-Vorpommern

Boizenburg: Bibelforscher Kurt Klein wird hingerichtet

13. Oktober 1939

Widerstand durch Bibelforscher Deserteure

Der Bibelforscher[1] und Glasermeister Kurt Klein kam im September 1939 der Einberufung zur Wehrmacht nicht nach. Er wurde verhaftet und am 13. Oktober 1939 in Plötzensee Berlin hingerichtet.[2]

Brief von Kurt Klein an seine Frau Ida,

Berlin-Plötzensee, 13. 10. 1939:

Mein süßer Liebling!

Jetzt ist es soweit. Jetzt ist es nachts um 2 Uhr. Um 6.10 Uhr werde ich hingerichtet. Wie freue ich mich, daß ich von Dir noch 3 Briefe bekommen habe. Vor allem will ich Dir sagen, daß ich alles gut ertragen habe: Die 6 Wochen habe ich keine Schmerzen gehabt. Nur meine Stimme ist heiserer geworden. Vielleicht, weil ich so wenig sprechen konnte. Na, nun ist es ja bald alles vorbei. Ich habe mich erkundigt, Du brauchst nichts zu bezahlen. Also verkaufe ruhig alles und mache Dir's damit gemütlich den Winter über. Ich bitte Dich, wenn Du zu Wilhelm gehen willst, tu es dann ruhig bald. Wenn Du von dort aus Boizenburg weg bist, kann es allen gleich sein, wo Du bleibst. Mein Ring wird Wilhelm wohl passen. Sonst geht er auch weiter zu machen. Nun, mein Liebling, dem Wilhelm gönne ich Dich und ihn Dir von ganzem Herzen. Du sollst darüber volle Freiheit behalten. Vor allem (Du weißt ja, wie ich bin) bitte ich Dich, zieh keine Trauerkleidung an. Du sollst für alle weiterhin als Sonnenschein umhergehen. Mein Grab wirst Du nicht finden. Du solltest es auch nicht. Du sollst ganz frei sein. Ich weiß, daß ich nirgends besser einen Erinnerungsaltar haben kann, als in Deinem guten, reinen Herzen.

Dann könnt Ihr wohl auch den Garten verkaufen. Aber schließlich müßt Ihr das mit Euch abmachen. Ich schreibe an Frieda, daß sie die Sachen hier abholt. Meine Gabel sollst Du als Erinnerung an mich benutzen. Es steht noch ein Gruß darauf.

Das schönste, was mir noch passieren konnte, war Dein lieber Besuch. Es waren Freudentränen, Liebling, mein Süßen, denk nicht, daß ich irgendwie unglücklich bin. Nein, mein Weg ist mir nicht leid. Ich sterbe gerne, weil Jehova es so zuläßt. Er weiß, wie er alles zu lenken hat. Aber er wird einmal dafür Verantwortung fordern. Doch das ist jetzt nicht meine Sache. Ich sterbe ungebrochen, in keiner Weise beengt. Gottes Gesetz geht mir über alles. Und wenn meine große Hoffnung auch nicht trügt, werde ich von droben Dein Geschick besser leiten können, als von hier. Ich bin's schon zufrieden. Hätte ich vielleicht 10 oder 20 Jahre Zuchthaus bekommen. Das wäre für uns beide viel schlimmer. Am Leben zu sein und doch begraben. Es wird ein großer Schmerz für Dich und alle Lieben sein. Aber die Zeit und liebevolle Umgebung heilen die Wunden schon. Denke, ich bin gefallen für die schönste Sache, die es gibt im Universum für die Sache Gottes.

….

So, mein Süßen, jetzt muß ich schließen für dies Leben. Ich will's kurz machen. In Gedanken eine letzte Umarmung, einen letzten Kuß sooo lang und mein, letzter Gedanke wirst Du sein und behaltet mich alle in treuem Andenken Dein Kurtchen“[3]

[1] https://de.wikipedia.org/wiki/...

[2] Bersch, Falk:  Skizzen zu Verfolgung und Widerstand der Zeugen Jehovas in Mecklenburg und Pommern unter dem NS-Regime, in: Friedrich-Ebert-Stiftung. Landesbüro Mecklenburg-Vorpommern: Widerstand gegen das NS-Regime in den Regionen Mecklenburg und Vorpommern, Schwerin 2007, S.71./ „Kurt Klein arbeitete als Glaser in Boizenburg und hatte nach dem Ersten Weltkrieg zur Glaubensgemeinschaft der Bibelforscher (Zeugen Jehovas) gefunden. Als er in den ersten Kriegstagen die Einberufung zur Wehrmacht erhielt, verweigerte er nach seinen religiösen Grundsätzen den Kriegsdienst. Wenige Tage nach seiner Verhaftung in Boizenburg verurteilte ihn das Reichskriegsgericht auf seiner Verhandlung in Schwerin zum Tode. Das Urteil wurde am 13. Oktober 1939 in Berlin-Plötzensee vollstreckt. Kurt Klein gehört zu den ungefähr 300 Zeugen Jehovas, die – überwiegend wegen Kriegsdienstverweigerung – während des Zweiten Weltkrieges hingerichtet wurden.“ Wagner, Andreas:  Opposition und Verweigerung von Soldaten im Zweiten Weltkrieg: Eine regionalhistorische Bestandsaufnahme für Mecklenburg und Pommern, in: Friedrich-Ebert-Stiftung. Landesbüro Mecklenburg-Vorpommern: Widerstand gegen das NS-Regime in den Regionen Mecklenburg und Vorpommern, Schwerin 2007, S.72.  http://library.fes.de/pdf-files/bueros/schwerin/05669-20130903.pdf  

[3] Inachin, Kyra T.: Von Selbstbehauptung zum Widerstand. Mecklenburger und Pommern gegen den Nationalsozialismus 1933 bis 1945, Kückenshagen 2005, S. 165f.