Widerstand in Mecklenburg-Vorpommern

Teterow: ZEIT berichtet über Friedensdekade in Teterow

2. Dezember 1983

Friedensdekade Evangelische Jugendarbeit

Marlies Menge schrieb am 2. Dezember 1983 in der „ZEIT“ unter dem Titel „Beten statt Raketen“ über die Friedensdekade in Teterow: „Zwar wurde Ulrike Doll vor 28 Jahren im Rheinland geboren, doch als sie noch ein Baby war, zog es den mecklenburgischen Vater zurück in die alte Heimat. … Ulrike hat nicht an der sozialistischen Jugendweihe teilgenommen, ging nicht auf die Erweiterte Oberschule, auf der man das Abitur macht, sondern wurde im kirchlichen Seminar in Naumburg auf ihr Theologie-Studium vorbereitet, das sie in Greifswald absolvierte. Vikariat in Güstrow, dann, seit 1981, Pfarrstelle in Teterow. Dieses Jahr stand ihr Name in den Zeitungen der DDR: Sie war in den Zentralausschuß des Ökumenischen Rates der Kirchen (ÖRK) in Vancouver gewählt worden… ‚Frieden schaffen aus der Kraft der Schwachen‘ ist das Motto der Friedensdekade. Wie überall in den Gemeinden der DDR versammelt man sich auch in Teterow während zehn Novembertagen zu Gottesdiensten und Friedensgebeten. Zum Beispiel an einem Sonnabend-Abend. Ulrike Doll redet über das Bibelwort ‚Ihr seid das Licht der Welt‘. Sie sagt: ‚Ihr könnt euch das vielleicht nicht vorstellen, daß ihr ausgerechnet das Licht der Welt sein sollt. Aber vielleicht seid ihr schon mal in ein großes Zimmer gegangen und habt nicht das elektrische Licht eingeschaltet, sondern nur eine kleine Kerze in der Hand gehalten, und dann habt ihr erlebt, wie die kleine Kerze es schafft, einen großen Raum hell zu machen, nicht sehr hell, nicht jeden Gegenstand, nicht jeden Winkel, aber genug Licht, daß man sehen kann.‘  In der Mitte steht eine große Kerze. Um sie herum liegen rote und grüne Bänder, die sich die Kirchenbesucher an ihre Kleidung binden sollen, als Zeichen der Verbundenheit mit den anderen Gemeinden. An der großen Kerze sollen kleine angezündet werden, als Licht der Hoffnung. Dazu soll erzählt werden, was dem Lichtanzünden in letzter Zeit an Hoffnungsvollem passiert ist. Für den einen ist es ein Brief, den er bekommen hat, für den anderen ein Gespräch im Zug mit einer alten Frau aus Polen, für den dritten die gute Zusammenarbeit der letzten Zeit zwischen evangelischen und katholischen Jugendlichen. Junge Leute lesen die Bibeltexte, halten die Fürbitten, in die auch die Regierenden eingeschlossen sind, die Lehrer, die Eltern. Ein junges Mädchen begleitet Lieder auf der Gitarre, die Gemeinde, an diesem Abend etwa 60 Personen, singt den Kanon ‚Herr, gib uns deinen Frieden‘…. Sie reden über die Diskussionen in Schule und Betrieb zur Stationierung sowjetischer Raketen in der DDR. ‚Ihr müßt überzeugen, daß ihr nicht gegen die anderen seid‘, sagt die Pfarrerin den jungen Leuten, „daß ihr mit ihnen zusammen überlegen wollt, wie man weiteres Wettrüsten verhindern kann.“ An einem Abend essen wir zusammen. Eine runde Tischdecke ist auf dem Boden ausgebreitet. Wir sitzen auf ein paar Stühlen, auf einer Matratze, auf dem Reisteppich, wir essen, was alle mitgebracht haben: selbsteingelegte Gurken, Kartoffelsalat, Heringssalat, Brot, Butter, Schinken, Fischkonserven, Bonbons, Chips, Obst. Ein brauner Kachelofen verströmt Wärme. Ein Regal mit Büchern, ein Holztisch vorm Fenster, ungerahmte Landschaftsphotos an der Wand. Kerzen brennen.  Neben mir sitzt ein junger Mann, Sohn eines Pfarrers. Er durfte nur bis zur 10. Klasse zur Schule gehen, kein Abitur machen. Er sagt, er wird Maurer. Seinen Wehrdienst will er als Bausoldat machen. Vielleicht war sein Weg durch den Beruf des Vaters vorgezeichnet. Aber auch mancher andere Jugendliche, der mit FDJ-Engagement und Linientreue müheloser Karriere machen könnte, macht es sich schwer, indem er sich zur Kirche bekennt, indem er damit das Heer jener vergrößert, die die Kirche wohl vor allem meint, wenn sie vom ‚Frieden schaffen mit der Kraft der Schwachen‘ redet.“[1]

[1] http://www.zeit.de/1983/49/bet...