Widerstand in Mecklenburg-Vorpommern

Teterow: Katholischer Bischof predigt gegen Dutzendtypen

19. Juni 1971

Opposition in Katholischer Kirche

Predigt des katholischen Bischof Heinrich Theissing[1] bei einem Abiturientenempfang am 19. Juni 1971 in Teterow: „Und so wünsche ich Ihnen als erstes, daß Sie Ihr Leben leben können, daß Sie kein Dutzendtyp und keine Normausgabe der schaffenden Intelligenz werden. Wir glauben an die Einmaligkeit und an die Eigenständigkeit jedes Menschenlebens…Der Christ bildet sich sein eigenes Urteil. Mögen Sie diese Urteilsfähigkeit nie verlieren. Der Christ richtet sich nach der Wahrheit und nicht nach der Mehrheit, und darum läßt er sich nicht durch Drohungen bange machen und durch verlockende Angebote kaufen, denn er weiß: Alles kann ich in Dem, Der mich stärkt. Der genormte Mensch kann nur existieren. …. Das ganze Leben soll es sein, Erde und Himmel, Natur und Gnade, Zeit und Ewigkeit. Die systematisch gesteuerte ideologische Verengung des Bewußtseins schränkt das Blickfeld des Menschen ein, seinen Horizont, und beschränkt seine Denkweise auf das rein Materielle. Die geistigen und geistlichen Wirklichkeiten sind verpönt und werden vorenthalten. Der Mensch, der nur das Mikroskop vor Augen hat, kann ein ausgezeichneter Spezialwissenschaftler werden und doch ein verkümmerter Mensch, wenn er sich nicht den Blick für das Ganze, für die Weite, die Größe, die Schönheit und Herrlichkeit, das Ziel und den Sinn des Lebens bewahrt. Ein Leben im Sinne des Materialismus macht uns nur vertraut mit dem, was neben uns ist in der Schöpfung Gottes. Der Materialismus enthält uns vor, was über uns ist, Gott und Sein Leben. Der Materialismus enthält dem Menschen vor, was in ihm ist, seine gottebenbildliche Seele und die Gnade. Und er enthält uns vor, was vor uns liegt, die Zukunft Gottes. Und so ist das Wort von Ernst Moritz Arndt wahr: Das halbe Wissen führt zum Teufel, das ganze Wissen führt zu Gott….. Und in diesem Sinne möchte ich Ihnen wünschen, daß Sie Ihr Leben katholisch, das heißt ganzheitlich und alles umfassend leben wollen.“[2]

[1] https://www.bundesstiftung-auf...

[2] Was bleibt, ist die Freude, in: Josef Pilvousek (Hg.) Kirchliches Leben im totalitären Staat Seelsorge in der SBZ/DDR 1945-1976. Quellentexte aus den Ordinariaten, Leipzig 1994,  S. 556f.