Widerstand in Mecklenburg-Vorpommern

Petersdorf: Hilfsarbeiter äußert sich kritisch über die Kriegsführung

15. Oktober 1941

Wehrkraftzersetzung Hilfe für Kriegsgefangene

Willi Gotthardt (1913 –1945) war ab März 1938 als Hilfsarbeiter bei der Wismarer Dienststelle der Reichsbahn beschäftigt. Am 4. November 1939 wurde er einberufen. Im August 1940 verletzte er bei einer Schlägerei in Deutsch Krone (heute Wałcz / Polen) drei Wehrmachtssoldaten. Im Oktober desselben Jahres beschwerte er sich bei einem Vorgesetzten über eine ungerechtfertigte Behandlung. Dabei war er so erregt, dass er trotz Befehls nicht zu reden aufhörte, was ihm als Gehorsamsverweigerung ausgelegt wurde. Aufgrund dieser beiden Vorfälle verurteilte das Feldgericht der Division Nr. 152 Zweigstelle Neustettin Willi Gotthardt am 8. November 1940 zu einer achtmonatigen Haftstrafe. Sechs Monate davon verbüßte er vom 12. Dezember 1940 bis 13. Juni 1941 in Graudenz (heute Grudziądz / Polen), Torgau und Obertraubling. Es folgte eine unehrenhafte Entlassung aus der Wehrmacht.

Nach Wismar zurückgekehrt, fand Willi Gotthardt wieder bei der Deutschen Reichsbahn Beschäftigung. An seinem Dienstort in Petersdorf äußerte er sich am 15. Oktober 1941 gegenüber mehreren Zeugen kritisch über die Kriegsführung. Er sprach die Verhältnisse in den Wehrmachtsgefängnissen an, beklagte dort stattfindende Erschießungen und auch die unmenschliche Behandlung von russischen Kriegsgefangenen. Er wurde denunziert, nach der Anzeige folgte am 8. November die Verhaftung durch die Wismarer Gestapo. Willi Gotthardt kam nach den Verhören am 16. Januar 1942 in das Gerichtsgefängnis Wismar. Das Sondergericht Schwerin verurteilte ihn am 17. Dezember 1941 wegen Vergehen gegen das Heimtückegesetz zu eineinhalb Jahren Gefängnis, die er in Dreibergen-Bützow absaß. Nach Strafverbüßung folgte die Vollstreckung von zwei Monaten Reststrafe aus dem Urteil vom 8. November 1940, so dass er erst am 17. Juli 1943 aus Bützow entlassen wurde. Nach der Haftentlassung arbeitete Willi Gotthardt als Maler in Wismar. Am 11. April 1944 wurde er wieder eingezogen und zur „Bewährung“ der Organisation Todt zugeteilt. Zuletzt arbeitete er dort als Koch im Stab des Korps-MG-Bataillons 442. Auf dem Rückmarsch durch Polen erschoss ihn am 20. Januar 1945 ein deutscher General „in einer kleinen polnischen Ortschaft“ zwischen Krotoschin und Petrikau (heute Piotrków Trybunalski). Diese Erschießung wurde gemäß einem Zeitzeugen ohne Gerichtsurteil und völlig willkürlich vorgenommen. Aller Wahrscheinlichkeit nach handelte es sich um General Hermann Recknagel (1892-1945), der drei Tage später in der Nähe von Petrikau selbst von polnischen Partisanen erschossen wurde.*

 

* Bersch, Falk: Stolpersteine in Wismar. Wismar 2018, S. 57–62.

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