Widerstand in Mecklenburg-Vorpommern

Güstrow: Mobiles Friedensseminar im Westen Mecklenburgs war international

4. August 1980

Friedensseminare


 

Während im Mai 1980 der Initiator des „Königswalder Friedensseminars“, Hans-Jörg Weigel, wegen staatsfeindlicher Hetze verhaftet und drei Monate in Stasiuntersuchungshaft in Karl-Marx-Stadt gefangengehalten wurde, weilte der damalige Güstrower Studentenpfarrer und Königswalder Seminarteilnehmer Heiko Lietz[1] auf einer Studentenpfarrerkonferenz in Barcelona. Lietz wurde vom MfS seit 1972 im OV „Zersetzer“ bearbeitet und unter anderem wegen Aufrufen zur Wehrdienstverweigerung oder Unterstützung von Ausreiseantragstellern beobachtet. In Barcelona lernte Lietz den niederländischen Studentenpfarrer Peter Spinatsch aus Hengelo kennen. Dieser vermittelte ihm den Kontakt zu drei Studenten der Technischen Hochschule Enschede, die sich am 3. Juli 1980 in einem Brief vorstellten und mit Lietz einen Besuch vom 4. August bis zum 8. August 1980 in Güstrow verabredeten.

Den weltpolitischen Hintergrund für die politischen Gespräche dieser vier Tage zwischen den Niederländern und einer kleinen Gruppe von DDR-Bürgern um Lietz bildeten die Wiener Abrüstungsgespräche zwischen den beiden Supermächten. Konkret wurde bereits im Vorfeld der SOFD-Bewegung über die Ermöglichung eines Zivildienstes und die Optionen eigenen Handelns in diesem Zusammenhang in der DDR gesprochen. Niederländische Gruppen sollten diesen Prozeß durch die Vermittlung von Texten und die Ermöglichung von Austausch mit Wehrdienstverweigerern aus Holland unterstützen. Daneben wurden das persönliche Gespräch und die spirituelle Einkehr gepflegt, welche die „meditative Atmosphäre“ des Seminars unterstrichen.

Noch in Güstrow wurde ein nächstes Treffen für den Sommer 1981 geplant. Als Zeitraum wählte Lietz den 31. Juli bis 8. August 1981 und plante eine Wanderung von acht bis zwölf Personen, paritätisch Niederländer und Deutsche, mit Übernachtungen in verschiedenen Gemeinden. Das Paritätsprinzip wurde von Lietz weiterverfolgt, auch wenn Einreisesperren es regelmäßig sabotierten. Zur am besten besuchten Friedenswanderung im Jahr 1987 kamen ca. 30 Personen aus den Bezirken Schwerin, Rostock und Berlin mit ca. acht Kindern nach Bernitt. Acht Teilnehmer reisten aus den Niederlanden an. Etwa 20 Teilnehmer, vor allem wegen diverser Einreisesperren gegen niederländische Gäste weniger als erwartet,[2] nahmen vom 29. Juli bis zum 5. August 1988 an der achten Friedenswanderung teil.

Die Wanderung begann in der Regel samstags und dauerte bis zum übernächsten Sonntag. Sie fand anfangs in einer, 1982 in drei Gruppen statt. Das gemeinsame Abschlußwochenende aller drei Wandergruppen des Jahres 1982 in Kessin stand im Zeichen eines von den niederländischen Teilnehmern geleiteten Rollenspieles. Die niederländischen Brüder Jacobus und Wilhelm Hutter sowie Roland Simons ließen die Versammelten am Sonnabend, dem 6. August 1982, verschiedene Rollen (z. B. die der Staatssicherheitsorgane, der Presse oder einer Wohngemeinschaft) einnehmen, um sie dann in inszenierten Situationen und Aktionen deren Erfahrungen nachvollziehen oder Handlungspotentiale und Restriktionen erkennen zu lassen. In den Folgejahren gab es nur noch eine Gruppe.

Das Auftaktwochenende der Friedenswanderungen von 1984 und 1986 verbrachten die Wanderer gemeinsam mit dem „Mobilen Friedensseminar“ um Markus Meckel in Neustrelitz und Neubrandenburg auf dessen Abschlusswochenenden. Auf der Wanderung im Jahr 1986 wurde spontan beschlossen die gesamte Woche in Kirch-Kogel zu verbringen. Dieser Ablauf des Seminars gefiel den Teilnehmern offensichtlich derart, daß man beschloß, vom 8. bis 15. August 1987 wieder nur in Kirch-Kogel die Friedenswanderung stattfinden zu lassen.

Lietz war auch wegen dieser Passivität im Verlauf der Friedenswanderung 1988 der Gedanke aufgegangen, die mittlerweile etwas unverbindlicher gewordene Art der Friedenswanderung zu ändern. Daher etablierte er eine zweite Gruppe im selben Sommer, die den eher inspirierten Charakter der ersten Friedenswanderungen wieder aufnehmen sollte. Vor allem der vermehrte Zustrom nichtmotivierter neuer Teilnehmer, die Vielzahl von Kindern bei den letzten Seminaren und der dadurch bedingte Urlaubscharakter trieben ihn zu diesem Schritt. Aus demselben Grund plante Lietz für 1989 gemeinsam mit den Veranstaltern des Friedensseminars im Osten Mecklenburgs um Roland Schäper (Meckel hatte 1988 Mecklenburg verlassen), ein gemeinsames Abschlußwochenende in Waren.[3]

Alle Friedenswanderungen standen unter einem Leitthema. Der Begriff „Angst“ war tragender Gedanke des zum Abschluß der Wanderung 1981 von der Gruppe verfaßten Grundsatzpapiers.[4] Die Teilnehmer aus der DDR übernahmen es, dieses Papier unter anderem über die Theologische Studienabteilung des BEK, das „Königswalder Friedensseminar“ und seinen Abdruck in der „Mecklenburger Kirchenzeitung“ einer breiten Öffentlichkeit bekannt zu machen.[5]

Auch am 1. und 2. August 1983, den ersten Tagen der Friedenswanderung 1983 in Mühlen-Eichsen, sprachen die Anwesenden über das Basispapier von 1981. Am 2. August 1983 wurden die Anregungen eines Fastenbriefes aus Frankreich aufgenommen, vom 6. August an solange zu Fasten, bis sichtbare und deutliche Schritte im Rahmen der Abrüstung zwischen Ost und West stattgefunden hätten. Dominantes Thema der Wanderung im Jahr 1987 war der in Aussicht stehende „Olof-Palme-Friedensmarsch“, an dem sich vor allem Lietz am 1. September in Stralsund, im Rahmen der Eröffnung des Friedensmarsches, beteiligen wollte.

Derartige öffentliche Wirksamkeit durch Basisgruppenvertreter belasteten aber das Staat-Kirche Verhältnis und sorgten auch für innerkirchliche Spannungen. Einige Wochen nach der ersten Wanderung, am 1. September 1980, gab Lietz wegen Auseinandersetzungen mit der mecklenburgischen Kirchenleitung sein Pfarramt auf, engagierte sich aber weiter friedenspolitisch. Nach anfänglichen Problemen von Mitgliedern des Oberkirchenrates mit dem Charakter der „Mobilen Friedenswanderung“ und Heiko Lietz gelang vor allem durch Vermittlung von Pfarrer Bindemann die Integration der Friedenswanderung in die Verantwortung der neu gegründeten AGF.

Auf der AGF-Tagung am 11. November 1986 kam zum wiederholten Male, aber nicht abschließend, die Frage der Trägerschaft der „Mobilen Friedenswanderung“ zur Sprache. Hier empfahl die AGF, daß die Vorbereitungsgruppe verantwortlich für inhaltliche und organisatorische Planung sowie Durchführung des Seminars zeichnen, während die Kirchengemeinden als Träger verantwortlich zu machen seien, wobei Kirchgemeinderäte schriftliche Voten vorlegen sollten. Die Kirchgemeinderäte und Gemeinden hätten auch als verbindliche Ansprechpartner zu fungieren.

Diese Kirchgemeinderäte wurden von Staatsvertretern regelmäßig nach ausländischen Teilnehmern der Wanderung befragt. Der niederländische IKV war nach einem Gespräch im Februar 1982 mit den Seminarteilnehmern Roland Simons und Hans Hutter der Meinung, daß die Mobile Friedenswanderung in den Beziehungen zwischen den Friedensgruppen der Niederlande und der DDR ein neues Modell der Kooperation darstellen könnte. Das MfS antwortete mit Einreisesperren.

Im Ergebnis der fünften Wanderung  kam es am 5. September 1985 zu einer Beratung des Leiters der Hauptabteilung XX/4 des MfS aus Berlin mit den Leitern und den Referatsleitern der jeweiligen Abteilung XX der Bezirksverwaltungen des MfS in Schwerin, Rostock und Neubrandenburg. Gegenstand der Beratung war primär die Auswertung der Friedensseminare von Lietz und Meckel. Dabei wurde als internes Ziel des MfS ausgegeben, daß 1986 keine Friedenswanderung um Lietz und kein Friedensseminar um Meckel mehr stattfinden solle.[6]

Ein Artikel über die Friedenswanderung in der IKV-Zeitschrift „Kernblad“ bedingte im Jahr 1987 eine noch höhere Aufmerksamkeit seitens der Sicherheitsorgane.[7] Wegen einer geplanten Honecker-Reise in die Niederlande im selben Jahr sollten wieder Einreisesperren gegen niederländische Teilnehmer verhängt werden, um Absprachen mit Oppositionellen aus der DDR zu verhindern.

Die „Friedenswanderung im Westen Mecklenburgs“ war ein Unikum innerhalb der Institutionalisierung der DDR-Opposition. Eher zufällig entstanden war sie eine kleine, hälftig national wie international und nur auf persönliche Einladung hin besuchbare Veranstaltung. Sie arbeitete nicht in Gruppen, verzichtete weitgehend auf Referate und lebte vielmehr von der meditativen Atmosphäre des inspirierten Miteinanders einer kleinen Gruppe von Menschen. Als sich diese Atmosphäre zugunsten einer Urlaubsstimmung der Mehrheit der Wanderungsteilnehmer über die Jahre verlor, sammelte Heiko Lietz einerseits eine kleine, auf ein „Miteinander“ orientierte Gruppe innerhalb des Seminares um sich und konzentrierte sich daneben auf seine diversen anderen Institutionsmitgliedschaften.

Bereits nach der Wanderung 1981 hatte Lietz außerdem den Beschluß gefaßt, ein Friedensseminar nach dem Modell Königswalde in Mecklenburg ins Leben zu rufen. Einige Mitglieder des Kessiner Friedenskreises besuchten daraufhin das Herbstseminar in Königswalde und gründeten später das „Kessiner Friedensseminar“. Somit führte die Wanderung um Lietz zu mindestens zwei Seminarneugründungen.

 

[1] Geboren 1961, Theologiestudium, wegen Wehrdiensttotalverweigerung in kurzer Untersuchungshaft, Bausoldat, von 1970 bis 1980 Pastor der Domgemeinde Güstrow, nebenamtlich Studentenpfarrer; 1980 Aufgabe des Pfarramts und Tätigkeit als Hauswirtschaftspfleger; von 1988 bis 1990 Mitarbeiter der Kirchgemeinde Badendiek, 1989 Mitglied es Neuen Forum, 1991 Landessprecher Bündnis 90 in Mecklenburg-Vorpommern.

[2] Das die Einreiseverweigerung beschreibende Informationsschreiben der Teilnehmer an die Botschaft der Niederlande in der DDR und Grüße an die Abgewiesenen sowie deren Antwort druckte Friedensnetz 4/88 der AGF ab.

[3] Vgl. „FS 1988 Penzlin“ Handschriftliche (geheftete) Notizen, in: Archiv Marianne Gloßmann.

[4] „1. Wir haben erkannt und erfahren, daß Frieden mit anderen und mit uns erst durch Abbau von Ängsten möglich ist. 2. Äußerungen und Ursachen von Ängsten sind für uns die zunehmende Aufrüstung, Feindbilder, Abgrenzung und die Militarisierung des gesellschaftlichen Lebens. Statt Frieden zu fördern, verhindern sie ihn. [...] 8. Gerade die zunehmenden Spannungen zwischen den Gesellschaftssystemen können uns nicht davon abhalten, auf wirklichen Frieden zu hoffen und friedensfördernde Maßnahmen durchzuführen. Wir möchten auch andere dazu ermutigen, sich gemeinsam mit uns auf diesen Weg zu begeben.“ Vgl. „Grundsatzpapier für die Wanderungen des Kessiner Friedenskreises, Klueß, August 1981“ in : Lietz, Anhang, S. 197-228.

[5] Am 25. Oktober 1981 berichtete die Mecklenburgische Kirchenzeitung in einem kurzen Artikel über das Mobile Friedensseminar und seinen Besuch bei einer Kinderrüstzeit in Klueß, einem Treff mit Familen in Reinshagen und einem Besuch bei Männern im Alkoholikerheim in Serrahn. Vgl. M. Domaschk-Archiv Berlin, Bestand Heiko Lietz, Mappe Kessiner Friedensseminar.

[6] „Bis zum XI. Parteitag muß die Bearbeitung von Lietz so forciert werden, daß L. als Problemperson vom ‚Tisch’ ist. Das ist ein Kampfauftrag. [...] Genosse Wiegand teilte mit, daß von Seiten der Hauptabteilung eine Information erarbeitet wurde, in der mit dem ZK der SED abgestimmte Auswertungsmaßnahmen fixiert sind. Wesentliche Festlegungen dabei sind: [...] Gesprächsführung Gysi/Stier. Bischof Stier [Stier wurde im Sommer 1984 Nachfolger von Heinrich Rathke im Bischofsamt der MECKLENBURGISCHEN LANDESKIRCHE. - d. Autor] werden insbesondere die schriftlichen Materialien vom Friedensseminar in Vipperow vorgelegt und der Mißbrauchscharakter nachgewiesen. [...] Vom Bischof wird verlangt, derartige Veranstaltungen, da sie nicht ausschließlich religiösen Charakter tragen, künftig anzumelden (Einhaltung VAVO). [...] Ausländerproblematik: Es hat sich bewährt und als richtig erwiesen, daß feindlich-negativen Kräften die Einreise nicht gestattet wird. Forderung/Standpunkt des ZK der SED, Genosse Krenz: Erkannten feindlich-negativen Kräften ist die Einreise nicht zu gestatten.“ Stasiakte ohne Signatur, Privatarchiv Heiko Lietz.

[7] Vgl. BV Schwerin Abt XX an HA XX/1, Beantwortung Schreiben vom 8.4.1987, 22.4.1987; Privatarchiv Jacobus-Johannes Hutter.