Widerstand in Mecklenburg-Vorpommern

Altentreptow: Mitarbeiter der FDJ-Kreisleitung kündigt

1. Januar 1968

FDJ

Heinrich Quast, ehemaliger Mitarbeiter der FDJ-Kreisleitung Altentreptow, berichtet über die anschließende Zeit in Altentreptow: „ lch trat erst sehr spät, mit sechzehn oder siebzehn, in die FDJ ein. Ich machte dort politisches Kabarett: ‘Hoch lebe der Sozialismus.‘ lch schrieb Texte, die regional von Bedeutung waren, selbst. Mit siebzehn übernahm ich den Dorfclub im Nachbardorf. lch organisierte Parkfeste, schwenkte voll auf die rote Linie um. Kurz darauf ging ich drei Jahre zur Armee. 1966 wurde ich wegen eines geplatzten Blindarms operiert. 1967 wurde ich zur Armee eingezogen. Während der Grundausbildung platzte die Narbe, was ich ausnutzte. Ich zog die drei Jahre durch und leistete bei der Armee Kulturarbeit, machte Kabarett und organisierte Veranstaltungen. Nach den drei Jahren kam ich wohlwollend in die FDJ-Kreisleitung. 1968, als die Warschauer Vertragsstaaten in die Tschechoslowakei einmarschierten, stellte ich den Antrag, Kandidat der SED zu werden, und nach einem Jahr wurde ich Mitglied. lch hatte zuvor in Altentreptow bei der Stasi, unter dem Decknamen ‘Egon‘, unterschrieben. lch hatte einen Führungsoffizier. Nach etwa zwei Jahren ließen sie mich fallen, weil nicht das herauskam, was sie wollten. lch hatte vier oder fünf Berichte geschrieben, die jedoch so allgemein waren, daß sie damit nichts anfangen konnten. Anschließend kam ich in die FDJ-Kreisleitung. Ich war in Buckow, in der märkischen Schweiz, zu einem Vierteljahreslehrgang, um auf der FDJ-KL Altentreptow als lnstrukteur zu arbeiten. Danach war ich wieder in Altentreptow und hatte mit einer Jugendgruppe der SDAJ[1] aus Hamburg zu tun. lch sollte sie betreuen und darüber einen intensiven Bericht bringen. Weil ich aber nur eine halbe handschriftliche Seite DIN-A4 lieferte,

brachte das meinen Fall zur Stasi. Später war ich Teilnehmer des 23. Einjahreslehrganges an der Jugendhochschule ´Wilhelm Pieck‘ beim Zentralrat der FDJ am Bogensee.[2] Dort sprach im Februar 1972 auch Albert Norden.[3] Er sagte, zumindest hat es sich so bei mir eingeprägt: ‚Genossen, wir können, wir dürfen und wir wollen nicht dem Volk sagen, wohin es mit dem Sozialismus geht‘. Damit war für mich die Tischkante erreicht. lch äußerte meinen Mißmut. Hätte ich gekonnt, so hätte ich Albert Norden wegen Volksverhetzung und Volksverrat angezeigt. Mir fehlte jedoch die Courage, knallhart die Konsequenzen zu ziehen. Den Lehrgang brachte ich zu Ende, doch ich hatte sofort ein Parteiverfahren an der Jugendhochschule, weil ich meinen Mißmut öffentlich gemacht hatte.

Kurz nach Beginn des Lehrganges war ich Freundschaftsverantwortlicher für die chilenische Gruppe. Dort fanden sich sogenannte Studenten aus aller Welt. Von diesem Posten wurde ich sofort abgesetzt und kam auf die FDJ-Bezirksleitung nach Neubrandenburg. Am 16. 0ktober 1972 reichte ich meine Kündigung ein, die in eine Abberufung umgeändert wurde, da ich berufener Kader war.“[4]

[1] http://www.sdaj-netz.de/uber-u...

[2] http://www.berliner-zeitung.de...

[3] http://www.spiegel.de/spiegel/...

[4] Wir waren uns einig, daß wir nicht gehen würden. Regine Quast, geb. 1956, Heinrich Quast, geb. 1947, leben in Lawalde bei Löbau, in: Arnaud Liszka: Versuche, in der Wahrhe¡t zu leben. DDR Südost – Nichtanpassung und Opposition in der Oberlausitz. Interviews, Dresden 2009, S. 90f.

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